Objekt:

 Kartonagesarg, Leinen, 42 x 27 x 0,8 cm.

Datierung:

 22. Dyn. (945-713).

Herkunft:

 Vermutlich aus Theben.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, ÄFig 2001.6.

Darstellung:

 Dieses Fragment des Frontteils einer Mumienhülle aus Kartonage besitzt eine sehr interessante Ikonographie und eine qualitätvolle Ausführung. Am Rande des Objektes ist gut sichtbar, dass 10-12 Leinengewebe übereinander zusammengeklebt wurden. Die Oberfläche ist mit einer Stuckschicht überzogen und bemalt. Das Kennzeichen der Dekoration dieses Fragmentes ist die dunkelblaue Farbe des Hintergrunds, die den ganzen Raum zwischen den gelben Figuren ausfüllt; innere Details sind wieder mit einem dünnen dunklen Strich sehr genau gezeichnet. Die Figuren auf der Mumienhülle sind in horizontalen Registern dargestellt, die von Bändern eines geometrischen Ornaments getrennt sind. Die Umrahmung des Frontteils auf der linken Seite besteht aus einem langen vertikalen Band eines ähnlichen Ornaments, sowie einem Streifen mit hieroglyphischer Inschrift, die eine Variante der Opferformel enthält:

«[Der König soll dem Osiris (und den anderen göttlichen Formen) ein Opfer schenken! Sie sollen ein Invokationsopfer geben bestehend aus Brotsorten, Getränken, dem hotep-Opfer], dem djefau-Opfer, aus Weihrauch und aus Kleidern! Durch Gebetsstimme sollen sich verwirklichen die Brotsorten, der verbrannte Weihrauch, ein süßer Lufthauch von Norden… [für den Verstorbenen NN].» Leider kennen wir den Namen des Sargbesitzers nicht. Wahrscheinlich war es ein Mann, denn eine männliche Figur erscheint im oberen der drei erhaltenen Register. Neben ihr steht ein leider leeres Rähmchen, in das der Name hätte geschrieben werden sollen. Diese Szene (Bickel 2004: Abb. 36a, c) stellt Osiris, den Herrn der Unterwelt, auf einem Thron sitzend dar mit seinen Insignie: heqa-Szepter und Flagellum. Osiris trägt eine hohe Krone, die aus zwei Federn, den Widderhörnern und der Sonnenscheibe besteht. Hinter ihm steht seine Schwester und Gemahlin Isis, vor ihm befindet sich ein mit verschiedenen Gaben gedeckter Opfertisch. Auf Osiris zu schreitet eine männliche Gottheit, wahrscheinlich Horus, die den Verstorbenen an der Hand führt, um ihn dem Totenkönig vorzustellen als einen, der nach dem Herzwägetest «von der Stimme Gerechtfertigten». Das mittlere Register enthielt eine symmetrisch komponierte Szene, deren Zentrum, das gleichzeitig die Achse des Frontteils der ganzen Mumienhülle bestimmte, der djed-Pfeiler bildete, ein bekanntes Symbol des Osiris [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 57: ... beidseits flankiert von je einer mumiengestaltigen Figur] Auf beiden Seiten des zentralen djed-Pfeilers war eine Szene dargestellt, in der die geflügelte Kobra das Udjatauge schützt [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 57: ... ein weiteres magisches Symbol, unterstützt die unheilabwehrende Eigenschaft der Schlange (vgl. Keel/Staubli 2001: Nr. 61)], welches sich zwischen ihren Flügeln vor der stehenden Mumie des Verstorbenen befindet. In der erhaltenen Szene ist die Kobra von der weißen oberägyptischen Krone gekrönt (Bickel 2004: Abb. 36f-g), die gegenüberstehende Kobra trug sicher die rote unterägyptische Krone. Das untere Register enthält zwei Szenen, die üblicherweise mit den Kapiteln 186 und 58-60, 62-63 des Totenbuchs assoziiert sind. Die erste (Bickel 2004: Abb. 36h) zeigt die Schutzherrin der thebanischen Nekropole Hathor in der Gestalt einer Kuh im Papyrusdickicht: «Hathor, Herrin des Westens» [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 57: ... und die dem (nun fehlenden) Verstorbenen Speis und Trank reichende Baumgöttin. Diese in einer Sykomore stehende Göttin ist kuhköpfig dargestellt und stellt, wie die Beischrift zeigt, Hathor dar (vgl. Keel/Staubli 2001: Nr. 11)] Hinter Hathor sieht man den Berghang, einen Obelisken, und die Sonnenscheibe mit dem udjat-Auge [ergänzter Text aus Keel/Schroer 2004: Nr. 148, der sich nur auf das unterste Register bezieht: Gold und Blau sind die Farben der himmlischen Welt. Die an und für sich sehr weltlichen Erscheinungen der Kuh und der Sykomore erhalten schon durch diese Farbgebung numinose Qualität. Die Kuh im Papyrusdickicht im dritten Register des Mumienhüllenfragments stellt Hathor als Schutzherrin der thebanischen Nekropole dar, als «Hathor, Herrin des Westens», wie die Inschrift rechts oben sagt (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 127).

Hinter Hathor sieht man den Berghang, einen Obelisken, und die Sonnenscheibe mit dem Udschat-Auge. Diese Szene gehört zu den beliebtesten auf den Särgen und Grabpapyri, besonders in der Zeit der 21. Dynastie (1069-945 v. Chr.; Heyne 1998). Doch war vor dem Berghang stets ein Grab mit einer kleinen Pyramide und nicht ein Obelisk dargestellt. Nach Andrzej Niwiński könnte die Szene mit der Hathorkuh ein Element des damaligen Begräbnisrituals wiederspiegeln, das in einem Besuch der Hathorkapelle mit der kuhgestaltigen Figur der Göttin in Deir el-Bahri (Pritchard 1954: Nr. 389), in der Nähe der Tempel von Mentuhotep und Tuthmosis III., bestand. Ein anderes Element desselben Begräbnisfestes könnte ein Besuch bei der heiligen Sykomore gewesen sein; den Baum kann man sich irgendwo in der Nähe der Hathorkapelle vorstellen, weil die beiden Szenen konsequent nebeneinander dargestellt sind. In der vorliegenden Szene ist die Sykomorengöttin kuhköpfig dargestellt. Die Inschrift rechts von ihr ist nicht mehr lesbar. Die kuhköpfige Hathor als Baumgöttin tritt schon, obwohl selten, in der 19. Dynastie auf. Im Gegensatz zur kanaanäischen Zweiggöttin (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 46, 73-79
Keel/Schroer 2004:
Nr. 73
Nr. 74
Nr. 75
Nr. 76
Nr. 77
Nr. 78
Nr. 79
) stehen die ägyptischen Baumgöttinnen nicht am Ursprung der Vegetation, sondern verschiedene Göttinnen (Nut, Hathor, Isis, Ma˓at usw.) erscheinen in heiligen Bäumen. Beide Szenen, die mit der Kuh und die mit der Sykomorengöttin, spielen auch im ägyptischen Totenbuch eine Rolle. Die Szene mit dem Baum wird üblicherweise mit den Sprüchen 58-60 und 62-63 des assoziiert, die Szene mit der Kuh mit Spruch 186].

Diskussion:

 Als Kartonage bezeichnet man das durch Zusammenkleben von Papyrus oder Leinen erstellte Material, das besonders in der Spätzeit zur Herstellung verschiedener Objektgattungen, vorwiegend von Särgen verwendet wurde. Bickel 2004: Abbildung 36b zeigt anhand einer Parallele den ursprünglichen Platz des Fragmentes am gesamten Kartonagesarg. Während der 21. Dynastie wurde gewöhnlich auf den Särgen die ganze Szene des Totengerichts dargestellt (Bickel 2004: Abb. 36d). In späteren Perioden hingegen dominiert eine verkürzte Fassung dieser Szene, die sich auf die Präsentierung des Verstorbenen vor Osiris beschränkt. Aus dem Vergleich mit zahlreichen ähnlichen Szenen zu schließen, wurde dieses Bild von der Darstellung zweier weiterer Gottheiten, Thot und Anubis, ergänzt, wobei wohl die erste Gottheit den Toten an der Hand führte. Die typische Gestalt der djed-Figur auf Särgen der 21. Dynastie und späterer Zeiten ist zum Vergleich in Bickel 2004: Abb. 36e illustriert. Eine charakteristische Innovation bilden in den späteren Varianten die kleinen Kreise im unteren Teil des Pfeilerschafts, die einem geometrischen Ornament gleichen. Das Udjatauge ist ein universales Symbol des positiven Ausgangs jeder Situation und des Triumphs über jegliches Übel. Die Schlangen repräsentieren in der Regel Isis und Nephthys, die Personifikationen der vier Himmelsrichtungen. Auf diese Weise erhält der verstorbene Besitzer dieser Mumienhülle symbolischen Schutz vor jeglicher Gefahr, die aus allen Richtungen kommen könnte. Die Szene im unteren Register gehört zu den beliebtesten auf den Särgen und Grabpapyri, besonders in der Zeit der 21. Dynastie. Doch war vor dem Berghang stets ein Grab mit einer kleinen Pyramide (Bickel 2004: Abb. 36i) und nicht ein Obelisk dargestellt. Das Papyrusdickicht hinter der Kuh ist, in der Ikonographie dieser Szene, nur auf einigen Papyri zu finden (Bickel 2004: Abb. 36j), wohingegen es auf den Särgen meist durch einer vor Hathor stehenden Vase mit Papyrusblumen ersetzt wird (Bickel 2004: Abb. 36k). Obwohl diese Szene bisher allgemein auf einer mythischen Ebene erklärt wird (Heyne 1998: 57-68), bin ich persönlich davon überzeugt, dass sie eine Kultwirklichkeit der thebanischen Nekropole und eines der Elemente des damaligen Begräbnisrituals widerspiegeln kann. Das Begräbnisgefolge könnte doch die berühmte, von Naville in Deir el-Bahari, in der Nähe der Tempel von Mentuhotep und Tuthmosis III. gefundene und jetzt im Kairoer Museum aufbewahrte Hathorkapelle mit der kuhgestaltigen Figur der Göttin Hathor besucht haben. Ein anderes Element desselben Begräbnisfestes könnte ein Besuch bei der heiligen Sykomore gewesen sein; den Baum kann man sich irgendwo in der Nähe der Hathorkapelle vorstellen, weil die beiden Szenen ständig nebeneinander dargestellt sind. Einige Varianten der Sykomorenszene zeigen einen Kreis um den Baumstamm herum; vielleicht spiegelt dieser einen großen, im Felsen ausgehauenen Topf wieder, in dem die Sykomore wachsen konnte (Bickel 2004: Abb. 36l). In der Szene auf dem Freiburger Fragment ist die Sykomorengöttin kuhköpfig dargestellt (Bickel 2004: Abb. 36m). Die kuhköpfige Hathor als Baumgöttin tritt schon, obwohl selten, in der 21. Dynastie auf (Bickel 2004: Abb. 36n). Das Motiv kann man auch auf anderen Objekten, z.B. auf Grabsteinen antreffen (Keel 1992: 61-138; Abb. 85). Obwohl über die Herkunft des Freiburger Fragments nichts bekannt ist, ist ziemlich sicher, dass die Mumienhülle aus dem thebanischen Gebiet stammt; die beiden letztgenannten Szenen sprechen dafür. In den ägyptischen Sammlungen befinden sich, nach meiner Kenntnis, zwei ähnliche Kartonagen. Es scheint, dass alle drei Objekte in derselben Werkstatt hergestellt worden sind. Die erste Parallele bildet die Mumienhülle in London, British Museum 29577, die einem thebanischen Priester des Amon namens Djed-amon-iuf-anch gehörte. In dem Londoner Museumsarchiv gibt es eine Notiz, wonach das Objekt 1897 in Gurna erworben wurde. Die Mumienhülle wurde zusammen mit einem Holzsarg gefunden, dessen einzige Dekoration aus einer gestreiften Perücke und einem vertikalen Band mit Inschrift auf dem Deckel besteht. Die Dekoration der Mumienhülle ist in neun horizontalen Registern dargestellt; wir erkennen dort, unter anderem, eine sehr ähnliche Szene der Präsentation des Verstorbenen vor Osiris, sowie auch die Kuhszene. Letztere zeigt eine Variante mit dem Obelisk und mit einer Kapelle, auf der ein von einer Sonnenscheibe gekrönter Pavian sitzt (Bickel 2004: Abb. 36n). Das ikonographische Repertoire enthält auch eine große Figur des widderköpfigen geflügelten Käfers, die Szene der Anbetung des heiligen Emblems des Osiris von Abydos, eine Szene mit Osiris auf der Totenbahre liegend, in Begleitung des darüber stehenden Anubis, sowie das Bildnis eines Heiligtums mit einer aufgerichteten Schlange drinnen, zu dessen beiden Seiten mumiengestaltige Figuren der Horussöhne stehen. Die untere Seite der Mumienhülle, über deren Mitte die Naht verläuft, ist mit einem Ornament dekoriert (ein Motiv mit rot, gelb, blau und schwarzen Rhomboiden auf weißem Grund, dazwischen horizontale Streifen; Andrews 1984: Abb. 53, 54). Das zweite Objekt, das viele Ähnlichkeiten mit der Londoner Mumienhülle sowie mit dem Freiburger Fragment aufweist, ist eine noch nicht veröffentlichte Mumienhülle aus der Sammlung von Robert Hay, die sich heute im Museum of Fine Arts in Boston befindet (Inv. 72.4837). Der altägyptische Besitzer dieser Mumienhülle namens Anch-pa-ef-her war Priester in Theben. Schwierig ist die Datierung aller drei Objekte. Das Datum «Late New Kingdom, ca. 1200-950 B.C.», das von dem früheren Besitzer des Freiburger Fragments vorgeschlagen wurde, ist mit Sicherheit zu früh. Auch die von Dawson vorgeschlagene Datierung des Londoner Sarges in die 21. Dynastie (Dawson 1968: Nr. 21, S. 12) ist nicht akzeptabel. Mumienhüllen dieser Art erschienen erst in der 22. Dynastie und nicht vor dem 9. Jahrhundert v. Chr. Die meisten haben eine Dekoration auf weißem bzw. gelbem Grund, die um eine vertikale Achse gestaltet ist. Es ist unbekannt, ob die blauen Kartonagen mit einer Dekoration, die horizontal komponiert ist, eine spätere Variante darstellen, oder ob es sich um eine mit anderen Mumienhüllen zeitgleiche Gruppe handelt, die vielleicht aus einer atypischen lokalen Werkstatt stammt. Wallis Budge hat eine Datierung des Londoner Objektes in die «26. dynasty, about 600 B.C.» vorgeschlagen (Budge 1924: 64), was wiederum ein zu spätes Datum zu sein scheint. Vielleicht kommt der Vorschlag von C. Andrews der Wahrheit am nächsten: «after 800 B.C.» (Andrews 1984: Abb. 53, 54). Das ikonographische Repertoire dieser Mumienhüllen kann mit verschiedenen Objekten aus der Dritten Zwischenzeit verglichen werden, die man vorläufig in die mittlere bzw. späte 22. Dynastie datieren darf. (Andrej Niwiński) [ergänzter Text von Keel/Staubli 2001: Nr. 57: Bei dieser Szene (oberes Register) handelt es sich um eine verkürzte Fassung des Jenseitsgerichtes, das über das Schicksal des Verstorbenen im Jenseits entscheidet. Mit der ‹Abwägung des Herzens› (das Herz als Sitz des Verstandes und der persönlichen Verantwortung des Menschen) wurde der Verstorbene auf seine Rechtschaffenheit geprüft. Je nach dem, wie weit sein Verhalten von der Ma˓at (der richtigen Ordnung der Welt, der Wahrheit und Gerechtigkeit; vgl. Keel/Staubli 2001: Kat. 86) abgewichen ist, darf der Verstorbene als Seliger, nunmehr gerechtfertigt, vor Osiris erscheinen und sein andauerndes Weiterleben im Jenseits antreten, oder aber er verfällt als Verdammter der Hölle. ... Die Blütezeit der ägyptischen Sargmalerei liegt im 1. Jt. v. Chr. (genauer in der 21. und 22. Dynastie, 1070-713 v. Chr.), als die Tradition des bemalten Felsgrabes zusehends aufgegeben und die Grabdekoration in reduzierter Form auf Särge übertragen wurde. Man beschränkte sich bei den Texten auf kurze religiöse Formeln und Beischriften zu den einzelnen Szenen und Götterfiguren. Im Vordergrund standen jedoch die komplexen Darstellungen, die den Sarg vollständig bedeckten: Bilder von Göttern (vgl. Keel/Staubli 2001: Kat. 75), Vignetten aus dem Totenbuch, Regenerationssymbole und Motive aus den Unterweltsbüchern.] [Autor der Ergänzungen: Madeleine Page Gasser.

Parallelen:

Museum of Fine Arts 1976: Nr. 72.4837: eng verwandt Mumienhülle; British Museum: Nr. 29577: eng verwandte Mumienhülle; Keel 1992: 61-138: zur Baumgöttin; Heyne 1998: 57-68 (mit Lit.): zur Hathorkuh; Keel 1992: 129, Abb. 85: zur Sykomorengöttin.

Bibliographie:

Keel 1992: 61-138 (zur Sykomorengöttin, bes. Keel 1992: 129 Abb. 85); Heyne 1998 (zur Hathorkuh); Christie’s 2001: 187, lot 376; Keel/Staubli 2001: 67-69, Nr. 57; Keel/Staubli 2003: 69-71, no. 57; Bickel 2004: 110-115, Nr. 36; Keel/Schroer 2004: 168f, Nr. 148; Keel et al. 2007: 22, Nr. 5; Keel 2008: 83, Nr. 97; Keel 2010b: 227f, Nr. 2:6.

DatensatzID:

975

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