Objekt:

 Privatstele, Kalkstein, 46 x 32,5 x 4,5 cm.

Datierung:

 2. Hälfte 18. Dyn.-1. Hälfte 19. Dyn. (Ende 18. - Anfang 19. Dyn.).

Herkunft:

 Vermutlich aus Theben.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, ÄFig 1999.7.

Darstellung:

 Die oben abgerundete Stele ist in versenktem Relief ausgestaltet; eine fein geritzte Linie rahmt das Bildfeld ein. Die Fläche ist in zwei Register geteilt, von denen das obere, welches die Rundung einbezieht und Götter darstellt, etwas größer ist als das untere, in dem Privatpersonen abgebildet sind. Das obere Register stellt nach rechts ausgerichtet den Gott Amun dar, gefolgt von der Göttin Mut. Amun hält in der rechten Hand ein anch-Zeichen, in der Linken ein langes was-Zepter, das die senkrechte Mitte des gesamten Bildfeldes markiert. Er trägt einen gekrümmten Götterbart, einen breiten Schmuckkragen, sowie den schlichten Götterschurz mit Tierschwanz. Die Federn seiner typischen Krone reichen über den Bildrahmen hinaus bis an den Stelenrand; eine Sonnenscheibe sitzt zwischen den Federn auf der Kappe. Dicht hinter ihm steht Mut, in einem eng anliegenden Kleid. Sie trägt eine dreiteilige Perücke und einen Modius. Eine Uräusschlange mit einer kleinen Sonnenscheibe zwischen Kuhhörnern erhebt sich vor ihrer Stirn. In ihrer Linken hält auch sie ein was-Zepter, das zum Teil vom Arm des Amun verdeckt ist und das unten, wie das für Göttinnen gebräuchlichere wadj-Zepter, ohne Gabelung endet. Die Rechte hält ein anch-Zeichen. In der rechten Bildhälfte befinden sich zwei Opferständer, auf denen gegenständig je ein Wasserkrug steht über dem eine offene Lotusblüte liegt. Mit Blick nach links steht auf einem vorne abgeschrägten Sockel der Gott Chonsu. Er trägt die geflochtene Kinderlocke auf dem geschorenen Haupt, Uräus, Götterbart und einen Schmuckkragen. Sein Körper ist ungegliedert, es heben sich lediglich die Hände ab, um ein was-Zepter zu halten. Das bei diesem Gott oft dargestellte Gegengewicht des menat-Schmuckes scheint durch eine Ausbuchtung der Körperhülle im Nacken angedeutet zu sein. Wie üblich wird jede Darstellung von einer Beischrift begleitet, welche die Gottheit mit Namen und Epitheta identifiziert. In der Mitte der Stelenrundung steht auf zwei Spalten verteilt: «Amun-Re, Herr der Throne der beiden Länder, Erster von Karnak, Herr des Himmels», Jmn-R˓ nb nswt twy ḫnty Jpt-s(w)t nb pt. Das Zeichen Re ist erstaunlicherweise mit der Hieroglyphe g oder nst geschrieben, das erste nst-Zeichen ist unvollständig.

Der Name der Göttin steht sowohl vor als auch hinter den Federn des Amun: «Mut, Herrin des Himmels, Gebieterin aller Götter», Mwt nbt pt ḥnwt nṯrw nbw. Name und Beiworte des Chonsu verteilen sich auf drei Spalten: «Chonsu in Theben, Herr der Freude», Ḫnsw m Wst nb wt-jb.

Das Stadtdeterminativ ist ohne Innenstruktur wiedergegeben. Der folgende Titel ist wie «Herr der Seligkeit», nb jmḫ geschrieben, ein sehr häufiges Beiwort des Verstorbenen, das jedoch auf den Kindgott bezogen keinen Sinn ergibt. Es muss sich um eine verkürzte und ungeschickte Schreibung des Epithetons nb wt-j «Herr der Freude» handeln, das öfters Chonsu bezeichnet.
statt
Zwischen dem linken Bein und dem Zepter des Amun steht eine weitere Textspalte. Hier befindet sich meistens der Szenentitel, der die vom Stelenstifter oder vom König vor den Göttern ausgeführte Kulthandlung kommentiert. In dieser Darstellung fehlt jedoch die handelnde Person, an ihre Stelle tritt aktionslos Chonsu. Die von den geklebten Brüchen leicht beeinträchtigte Inschrift bezieht sich in ungewöhnlicher Weise noch einmal auf Amun: «Sein schöner Name (lautet) ‹Der den Siegen vorsteht›», rn=f nfr ḥtj [n]ḫtw.

Die Kartusche, welche das Wort rn determiniert, wirkt seitenverkehrt, was jedoch vielleicht nur von der Restaurierung her stammt. Im unteren Register sind fünf Personen dargestellt, zwei Männer und drei Frauen. Die Männer tragen eine runde Perücke, ein Hemd mit kurzen Ärmeln und einen wadenlangen Schurz mit einem kürzeren, plissierten Übertuch. Der erste Mann, der Hauptdedikant der Stele, erscheint in Gebetshaltung mit vor dem Gesicht erhobenen Händen. Er wird als «Rindervorsteher des Amun, Aahotepef», jmy-r jḥw n Jmn ˓-ḥtp=f, identifiziert. Die Zeichenfolge dieser Beischrift ist eigenartig: der Name des Gottes Amun wurde gedrängt unter die rechte Hand des Mannes geschrieben und den zum Wort j̣ḥw «Rinder» gehörenden Pluralstrichen, sowie dem n des Genitivs vorgestellt. Hinter Aahotepef folgt sein Sohn, die linke Hand erhoben, in der Rechten ein einfaches Blumengebinde haltend. Seine Beischrift ist in drei Spalten aufgeteilt: «Sein Sohn, der Schreiber (?) Ay», s=f sš (?) J-j (Der Name ist in dieser Schreibweise bei H. Ranke [Die ägyptischen Personennamen, Glückstadt 1935] nicht belegt, erscheint aber zum Beispiel auf einer Stele aus Deir el-Medina, M. Tosi/A. Roccati, Stele e altre epigrafi di Deir el-Medina, Turin 1972, 106). Unmittelbar über dem Kopf des ersten Mannes und vor dem Namen seines Sohnes steht ein gedrängtes Schriftzeichen, das wahrscheinlich als zu lesen ist.

Die drei Damen tragen lange Perücken, ein Stirnband, in dem eine Lotusblume steckt und einen «Salbkegel» auf dem Kopf. Das ärmellose Kleid der Damen reicht bis zu den Füßen und zeichnet die Konturen ihres Körpers ab. Die zwei ersten erheben ebenfalls die linke Hand zum ehrfurchtsvollen Gruß, in der Rechten hält die eine einen Vogel und eine langstielige offene Lotusblume, die andere ein Blumengebinde; die Dritte hält einen Strauß mit Lotusblume und Knospen in der rechten, eine Ente in der linken Hand. Die erste Dame, mit Sicherheit die Gemahlin des Stelenbesitzers, ist die «Sängerin des Amun, Miny», šm˓yt n(t) Jmn M˓jny. Die beiden folgenden sind durch Personalpronomen ausdrücklich als Minys Töchter ausgewiesen. Diese Besonderheit zeigt an, daß Aahotepef nicht der Vater der beiden Töchter ist, sondern diese aus einer früheren Ehe Minys stammen. Die erste ist «ihre Tochter Kaja», st=s Kj, ihr Name steht auf Beinhöhe vor ihrer Darstellung; die zweite ist «ihre Tochter Mutemuja», st=s Mwt-m-wj.

Diskussion:

 Amun, Mut und Chonsu bilden eine der weitverbreitetsten Göttertriaden, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn. Ausgehend vom Vorbild der «Familie» Osiris, Isis, Horus, die in der Mythologie schon seit ältester Zeit belegt ist, wurden ab dem 2. Jahrtausend auch andere Götter zu Triaden verbunden. Diese Verbindungen dienten zur Illustration der verschiedenen Rollen innerhalb der Beziehung zwischen Mann und Frau und zwischen den Generationen. Jede Gottheit einer Triade behielt ihre volle Unabhängigkeit und Wesenseinheit. In dieser Stele steht der Kindgott seinen Eltern gegenüber. Rn f nfr «sein schöner Name» ist der bekannte Ausdruck für einen zweiten, gebräuchlicheren Namen, einen Über- oder Kurznamen. Bei Göttern, deren Name in essentieller Weise mit ihrem Wesen verbunden ist, kann das Adjektiv «schön» auch lediglich zur Bekräftigung der Wichtigkeit des Namens verwendet werden. «Dein Name ist schön in Karnak, Amun», «Ich habe dich besänftigt mit jenem deinem schönen Namen» (z.B. Assmann 1983: 287, 46) oder «Er kennt jene deine schönen Namen» (Berliner Amunritual, Assmann 1999: 276). Das Verhältnis zum Namen ist beim Gott Amun besonders ambivalent. Einerseits wird er als «Amun in all seinen Namen», Jmn m rnw f nbw (z.B. Lacau/Chevrier 1977: 360, 365-366) oder als «Derjenige mit vielen Namen», ˓š rnw (z.B. Assmann 1983: 192 (TT157); Kairener Amunhymnus P. Boulaq 17, Kol. IX,2, Assmann 1999: 201: «Amun… reich an Namen, deren Zahl man nicht kennt»), verehrt, doch ist er anderseits auch derjenige, «Der seinen Namen verbirgt», jmn rn=f (zu dieser sehr häufigen Bezeichnung Assmann 1995: 137-138; H. Brunner, Name und Namenlosigkeit Gottes in Ägypten, in: Brunner 1988: 130-146), oder «Dessen Namen man nicht kennt», n rḫ=tw rn f (Assmann 1999: 211, 359). Das folgende Epitheton, der eigentliche «schöne Name» des Gottes, ist durch die Flickstelle unterbrochen. Vermutlich fehlen lediglich die phonetischen Komplemente zu ḥtj sowie das n des folgenden Wortes nḫtw. Diese Bezeichnung, die wohl als «Der den Siegen vorsteht» oder auch als «Der an Stärke Hervorragende» zu übersetzen ist, scheint so nicht belegt, doch wird das breit gefächerte Konzept necht/nechtu «Kraft, Stärke, Sieg» mehrfach mit Amun in Verbindung gebracht. Die Bedeutung des Wortes umfasst wesentlich mehr als nur militärische Stärke, necht ist eine der Grundkräfte des Universums, die gelegentlich mit anch «Leben» verbunden wird: «Der König (Amenemhat III.) ist Re, er hat die Beiden Länder mit necht-Kraft und Leben erfüllt» (Stele des Sehotepibre, Kairo CG 20538, Z. 12-14). Der Besitz der necht-Kraft zeichnet, vor allem im Neuen Reich, den erfolgreichen Herrscher aus (Galan: 1995). Doch verfügt er nicht von Natur aus über diese Kraft, sondern ausschließlich auf Gewähren des Gottes, meistens des Amun, der sie dem König zur Ausübung seines Amtes, insbesondere zur Überwindung feindlicher Mächte, verleiht. Genau wie Leben ist auch necht/nechtu ein universelles Prinzip, welches von der Gottheit geschaffen und verwaltet wird und sich von Grund auf in deren Besitz befindet. Auch wenn die Inschriften in ihrer großen Mehrheit Amun als Spender der necht-Kraft ansprechen, so gibt es doch auch Stellen, in denen necht direkt auf den Gott bezogen wird. In Hymnen wird der Gott etwa als «Der seine Kraft verbreitet über die Beiden Ufer hin» (Assmann 1999: 199) besungen. Ein Bittsteller versichert: «Ich habe dich in mein Herz geschlossen wegen deiner necht-Kraft» (Posener 1975: 206). In der von Ramses II. gegründeten Residenzstadt Pi-Ramses (Ramsesstadt) im Delta trägt Amun mehrfach das Beiwort «Groß an Siegen», ˓ nḫwt (Bietak 1975: 188). Dieser Name bezeichnet also wohl einen Aspekt der Persönlichkeit des Gottes Amun, der für den Stelenstifter von besonderer Bedeutung war, sei es in Zusammenhang mit seinem Beruf, sei es aus persönlichen religiösen Gründen. Der «Salbkegel» auf dem Kopf der drei Damen ist ein häufiges Accessoir der Festkleidung des Neuen Reiches, dessen konkretes Aussehen, Geruch und Funktion nicht eindeutig bestimmt ist, das jedoch gewiss auch eine symbolische Bedeutung in Bezug auf die jenseitige Wiedergeburt und das Weiterleben besaß. Der untere Bildstreifen stellt Mitglieder einer Familie dar, die im Dienste eines dem Amun gewidmeten Tempels tätig waren. Der Mann als Rindervorsteher in einer Verwaltungsposition, die Frau als Sängerin. Der Titel «Sängerin des Amun» wurde im Neuen Reich regelmäßig von Frauen getragen, deren Männer in Priesterschaft oder Verwaltung eines Tempels tätig waren. Die Funktion war wohl vorwiegend ehrenamtlich und wurde allenfalls bei größeren Festanlässen wirklich ausgeübt. Die auf Amun bezogenen Titel der beiden Hauptpersonen, die Darstellung der thebanischen Göttertriade und das Beiwort des Amun ḫnty Jpt-s(w)t, «Erster von Karnak» weisen in den thebanischen Raum als Ursprungsort der Stele. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehörten Aahotepef und Miny zum Personal der großen vom Karnaktempel abhängigen Wirtschaftsdomäne des Amun. Rindervorsteher waren für eine dem Gott geweihte Herde verantwortlich, doch sind weder ihr genauer Aufgabenbereich, noch der durch dieses Amt verliehene Rang genau bestimmbar (Eichler 2000: 78-89). Die Rinderherden, die zu gewissen Zeiten äußerst umfangreich waren – so soll die thebanische Amundomäne zur Zeit Ramses’ III. über 400’000 Stück Groß- und Kleinvieh besessen haben – bildeten einen wichtigen Teil des Reichtums des Tempels. Ihre Verwaltung, die von einem Stab von Beamten und Schreibern im «Büro des Rindervorstehers» ausgeübt wurde, muss eine komplexe Angelegenheit gewesen sein, da sich die Herden ständig durch Steuerabgaben, Schenkungen oder ausländische Beute anreicherten, das Vieh aber anderseits auch zu Kultzwecken geschlachtet oder zur Entlohnung höherer Beamten verwendet wurde. Daß viele Rindervorsteher des Amun zu den höchsten Kreisen der Tempelverwaltung, manche sogar zu den wichtigsten Beamten des Landes gehörten, wird durch die Kombination mit andern Titeln ersichtlich, wie etwa mit «Domänenvorsteher» oder «Vizekönig von Kusch» (Eichler 2000: 79-80; Helck 1958: 171-179). Anderseits sind etliche Rindervorsteher des Amun, wie Aahotepef, lediglich unter dieser Bezeichnung und durch Denkmäler bescheidenerer Art bekannt. Es bleibt ungewiss, inwieweit sich der Verantwortungsbereich und der soziale Rang dieser Männer von den «großen» Trägern dieses Titels unterscheiden (Eichler 2000: 86-87). Besondere Aufmerksamkeit verdient diese Stele aufgrund ihrer Bildgestaltung: Denksteine, auf denen im oberen Register ausschließlich Götter abgebildet sind und kein betender oder Gaben spendender Stelenstifter auftritt, sind recht selten. Das traditionelle Schema des mit Vorliebe von rechts kommenden und vor die Götter tretenden Privatmannes wird hier insofern imitiert, als der Kindgott Chonsu auf der rechten Stelenseite seinen Eltern gegenübersteht. Beispiele dieses Darstellungsschemas mit Göttern im oberen und Privatleuten im unteren Register sind aus Theben, besonders aus Deir el-Medina, bekannt und scheinen sich auf eine Zeitspanne von Ende der 18. bis Mitte der 20. Dynastie zu beschränken. In diese Zeit verweisen auch Tracht und Namen der Dargestellten in der hier beschriebenen Stele. Dieser Stelentyp wurde sowohl als Votiv- als auch als Grabstele verwendet (Pinch 1993: 83-101) und weist verschiedene Varianten auf. Auf Stelen, die im oberen Register keine handelnde (betende oder opfernde) Person abbilden, können die Gottheiten in unterschiedlicher Anzahl und Aufstellung auftreten. Sonderformen dieses Typs zeigen ferner die Sonnenbarke oder Tiere anstelle der Götter. Die meisten dieser Objekte sind recht kleinen Formats und bescheideneren Stils. Wie im Denkmal der Familie des Aahotepef weisen auch andere Stelen dieses Typs in Schrift und Bild merkliche Ungeschicklichkeiten auf. Auch wenn die im Bild ausgedrückte «Unterordnung» der Stelenstifter unter die Götter keinesfalls als Indiz ihrer sozialen Stellung gewertet werden darf – auch sehr einfache Leute ließen sich vor einer Gottheit betend darstellen – so scheint diese Art der Stelenausgestaltung durchwegs von Vertretern mittleren und niedrigeren Standes verwendet worden zu sein. Auch Aahotepef gehörte als Rindervorsteher der unteren oder mittleren Verwaltungsschicht an. Im unteren Register führt uns diese Stele eine altägyptische «Patchwork-Familie» vor Augen. Der Mann ist Vater eines Sohnes, doch scheint seine Frau bereits zwei Töchter mit in die Ehe gebracht zu haben. Ob Miny die Mutter des Sohnes Ay ist oder ob alle Kinder aus einer ersten Ehe stammen, bleibt unbekannt. Solche Situationen waren auch in der alten Welt nicht weiter außergewöhnlich. Man kann sich fragen, ob diese Situation für die Wahl des selteneren Stelentyps ausschlaggebend war, ob also Ahhotepef und Miny den göttlichen Sohn Chonsu, quasi als Ersatz für eine gemeinsame Nachkommenschaft, an der prominenten Stelle der kultausübenden Hauptfigur im rechten oberen Bildfeld darstellen ließen.

Bibliographie:

Christie’s 1999: 30f, lot 58; Bickel 2004: 24-27, Nr. 4; Keel et al. 2007: 25, Nr. 8.

DatensatzID:

942

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