Objekt:

 Figurine, Bronze, 8,4 x 19 cm.

Datierung:

 25. Dyn. (728/716-656) oder früher.

Herkunft:

 Ägypten.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, ÄFig 1983.13.

Darstellung:

 Die sitzende Göttin trägt einen imposanten Kopfschmuck. Er besteht aus einer dreiteiligen Strähnenperücke, die teilweise von einem Geierbalg bedeckt wird. Der Gänsegeier ist ursprünglich das Symbol der oberägyptischen Schutzgöttin Nechbet und der Muttergöttin Mut, wird aber seit dem Neuen Reich ein Element der Tracht verschiedenster Göttinnen. An Stelle der üblichen einzelnen Kobra (Uräus) an der Stirn numinoser Wesen garantiert ein Kranz von zwölf Tieren die Unantastbarkeit der Göttin. Das in der Mitte des Hinterkopfs befindliche Exemplar ist vollständig dargestellt und windet sich über den Geierbalg. Über dem Uräenkranz erhebt sich ein großes Kuhgehörn mit der Sonnenscheibe dazwischen, ein Element, das Isis von der Himmels- und Kuhgöttin Hathor übernommen hat (Keel/Schroer 2004: Nr. 31, 32, 33, 34, 127, 148, 149). Zwischen den beiden vorderen Strähnen der Perücke ist ein zweiteiliger Halskragen zu erkennen. Das Gesicht ist durch die beiden vor der Perücke deutlich sichtbaren, hörenden Ohren, durch die Augen, die mit einem anderen Material eingelegt waren, durch die breiten Nasenflügel und die vollen Lippen charakterisiert, die beide für die 25., die nubische Dynastie, typisch sind. Typisch für diese Zeit ist auch, dass nicht die rechte Hand dem Kind die linke Brust gibt, sondern die rechte Hand die rechte Brust (vgl. Parallelen). Trotz des Gewandes, das die Göttin grundsätzlich bekleidet, sind Details ihrer Anatomie, wie etwa der Nabel, deutlich zu sehen.

Diskussion:

 «Die religiöse Vorstellung der Muttergottheit hatte sich im Niltal primär nicht aus der menschlichen Sphäre von Mutter und Kind entwickelt, sondern ging von der Mutterkuh aus, die wahrscheinlich aus dem Weltbild vorgeschichtlicher Viehzüchter stammt. Die bekannteste und bereits früh belegte Kuhgöttin ist Hathor» (Page Gasser 2001: 62). In den Totensprüchen des Mittleren Reiches, den sogenannten Sargtexten, ist Isis die treue Gattin des ermordeten Osiris, die sich zusammen mit ihrer Schwester Nephthys mit äußerster Hingabe um den Toten kümmert, seine zerstückelten Glieder sucht, zauberkundig zusammenfügt, den Toten beklagt und betrauert, ihm zu neuem Leben verhilft und von ihm postum seinen Sohn und Rächer Horus empfängt (Münster 1968: 1-79). Isis als Mutter des Horus, die ihn, vom Mörder ihres Gatten, von Seth, bedroht, in den Sümpfen von Chemmis verborgen aufzieht, ist erst im 1. Jahrtausend v. Chr. zu größerer Bedeutung gelangt. Das Bild der Isis als stillender Gottesmutter hat auch erst damals größere Bedeutung erlangt. Die aggressiven Reichsbildungen der Assyrer, Babylonier, Perser und schließlich der Mazedonen haben die altorientalische Welt zutiefst erschüttert. Ganze Völkerschaften sind entwurzelt und verschoben worden. Traditionelle politische Verhältnisse verloren ihre Bedeutung. Dafür gewannen familiäre Bande als kleinste noch bestehende gemeinschaftliche Einheit an Bedeutung. Die Verunsicherung ließ die zauberkundige Isis, die selbst familiäre Not und Bedrohung erfahren und erfolgreich bestanden hatte, zur Helferin in allen Nöten werden. Neben das Bild der erotischen Frau trat im 1. Jahrtausend mit zunehmendem Gewicht das Bild der stillenden, hingebungsvollen Mutter. Ich war für sie (die Israeliten) wie solche, die einen Säugling an ihre Wangen heben, und ich neigte mich zu ihm, um ihm zu essen zu geben. Hosea 11,4 Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, erbarmt sie sich nicht des Nachkommen ihres Leibes? Mögen diese auch vergessen, ich vergesse dich doch nicht! Jes 49,1 Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum! Denn so spricht der Herr: Seht her: Wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach. Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Jesaja 66,10-13 Ich ließ meine Seele ruhig werden und still, wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. Psalm 131,2.

Parallelen:

Karig 1962: 54-59; Page Gasser 2001: 65; Wolley 1969: pl. 21:b2: eine Bronze der stillenden Isis, die aber wie üblich mit der rechten die linke Brust gibt - Karkemisch.

Bibliographie:

Staub 1984: 8f, Abb. 6; Keel/Uehlinger 1996: 102f, Abb. 133; Page Gasser 2001: 62-66, Nr. 15; Keel/Schroer 2004: 196f, Nr. 174.

DatensatzID:

866

Permanenter Link:

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