Objekt:

 Hama-Idol, Ton, 12,5 x 4,9 x 2,6 cm.

Datierung:

 MB II (1900-1600).

Herkunft:

 Orontestal (und südlich davon bis zum Karmel).

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VFig 1996.5.

Darstellung:

 Die Figur ist der von Keel/Schroer 2004: Nr. 42 sehr ähnlich, aber deutlich flacher. Der Stiel, der von der Blüte auf der Stirn ausgeht, ist länger und über die Haartracht gezogen. Die Hüften sind breiter und eckiger. Eine Kreiszeichnung umrahmt den lochartigen Nabel. Über Brust und Rücken ist ein aus Punkten gestaltetes Kreuzband gelegt (vgl. dazu Keel/Schroer 2004: Nr. 36, 47, 75, 77), dem vorne allerdings ein Teil fehlt.

Diskussion:

 Die Bänder, die sich auf der Brust kreuzen, sind von Georges Dales 1960: 125f und Laila Badre 1980: 124 als Bestandteil einer weiblichen Tracht gedeutet worden. In der Tat haben Bänder, Streifen und Seile, die die Brust kreuzen, bei Frauenfiguren eine sehr lange Geschichte und eine weite Verbreitung im Nahen Osten sowie in den Nachbargebieten (Pope 1970). Dieser Gewandtypus war zum ersten Mal auf weiblichen Tonstatuetten der Ubaid-Zeit (um 4000 v. Chr.) erschienen und hat sich in der Folgezeit erhalten. G. Dales sieht ein Vergleichsstück dieser Bänder im indischen «channavira» genannten Gewand, typisch in der Hindu-Ikonographie der Frauenfiguren. Hier sind die Bänder eine Art Träger auf dem Gewand und haben eine doppelte Funktion: ästhetisch, d. h. als Gewandverzierung, und funktionell, als Gürtelträger (Dales 1960: 128f; 1963: 34f). Die hier beschriebene Statuette und drei weitere Statuetten aus Keel/Schroer 2004: Nr. 42, 44 und 45 gehören zum gleichen Typ, von dem sie verschiedene Varianten darstellen. Allen gemeinsam ist die Gestaltung des Kopfes. Die hochgesteckte Frisur mit zwei Durchbohrungen, die Ohren oder Seitenlocken, die eine bis drei Durchbohrungen aufweisen, die Augen in Form runder durchbohrter Tonscheiben und die «Vogelnase» mit dem Tonkringel darüber sind besonders markant gestaltet. Die Löcher in der Frisur bzw. in den Ohren haben höchstwahrscheinlich Metall- oder Tonohrringe getragen, wie einige erhaltene Exemplare beweisen (Harden 1934: pl. XII,1, Ashmolean Museum). Das durchbohrte «Tonkringelchen» auf der Stirn war mit einer Einlage geschmückt, und ähnliches galt auch für den Nabel, der mit einem mit Goldfolie überzogenen Tonstift ausgefüllt war, wie uns das gleiche Beispiel aus dem Ashmolean Museum zeigt. Ursprünglich trugen höchstwahrscheinlich auch die Augen eine Art Einlage, von der nur Spuren erhalten sind. Bei dem Stirnkringelchen mit seinem Stiel dürfte es sich um eine Blüte (Lotus?) handeln, die nach ägyptischer Art auf der Stirn erscheint (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 37, 75). Der trapezförmige obere Abschluss der Frisur erinnert an den rechteckigen Nackenknoten von Keel/Schroer 2004: Nr. 26. Alle vier tragen eine Halskette, Keel/Schroer 2004: Nr. 45 sogar zwei. Ebenso gemeinsam haben die vier Figuren die Gestaltung des Rumpfes als eine Art Raute mit dem stark betonten Nabel im Zentrum. Bei dieser Figur und den Figuren aus Keel/Schroer 2004: Nr. 42, 44 wird der Nabel zusätzlich durch darunter liegende Gürtel betont. Die Figuren tragen bis auf Halsketten und Gürtel nichts. Die Kombination von Schmuck und Nacktheit betont diese und verleiht ihr selber die Attraktivität eines Schmucks. Der Nabel kann die weibliche Scham repräsentieren (vgl. Hoheslied 7,3; Keel 1992b: 214f). Auf zeitgenössischen Goldanhängern, die die Göttin als Mutter der Vegetation zeigen, wächst der Zweig, der die Vegetation symbolisiert, bald aus dem Nabel (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 46), bald aus der Scham hervor (Keel 1992b: 165 Abb. 96-97a). Die Reduktion der Göttin auf Gesicht und Schambereich unter Vernachlässigung der Brüste findet sich weitgehend auch bei den zeitgenössischen kanaanäischen Goldanhängern (Keel/Schroer 2004: Nr. 46) und Siegelamuletten (Keel/Schroer 2004: Nr. 73-81
Keel/Schroer 2004:
Nr. 73
Nr. 74
Nr. 75
Nr. 76
Nr. 77
Nr. 78
Nr. 79
Nr. 80
Nr. 81
). Der Konzentration auf diese beiden Bereiche dient auch die Reduktion der Arme auf seitlich abstehende Stummel, die sich bei dieser Figur und Keel/Schroer 2004: Nr. 44, 45 findet. Die schmalen Beine sind vorne und hinten durch eine Rille getrennt und verjüngen sich nach unten. Die Füße sind nur angedeutet, und die Figuren haben keine Standfläche. Eine wichtige Variante stellt Keel/Schroer 2004: Nr. 45 dar, bei der der Schambereich durch Angabe der Schamhaare hervorgehoben ist und die Brüste dadurch betont werden, dass die Arme ausgestaltet und unter sie gelegt sind. Die meisten Parallelen zu diesem Figurentyp und seinen Varianten kommen aus Hama am Orontes in Syrien (Fugmann 1958: Fig. 110.117.124; Badre 1980: pl. 1,10-27; 2,33.39-40.43-46) und aus dem ganzen Orontesgebiet. Nach Norden sind sie bis Südostanatolien zu finden (Andrae 1943: Taf. 33c). Weitere stammen aus dem wenig südlich von Hama gelegenen Qatna (Badre 1980: pl. 9,5.9), aus dem ost-süd-östlich gelegenen Salamijeh (Badre 1980: pl. 10,3). Sie scheinen eine ziemlich weite Verbreitung nach Süden gefunden zu haben. Eine wurde in Megiddo (Finkelstein/Ussishkin/Halpern 2000: 397 Fig. 12.34.2), eine andere in Taanach gefunden (Lapp 1969: 46 Fig. 30, mit Schamdreieck).

Parallelen:

Badre 1980: pl. 1:14, 20: Hama; Badre 1980: pl. 62:8, 10: Herkunft unbekannt; vergleiche auch: syrischer Stil; Simon 1985: 232: zum Brustband der Aphrodite.

Bibliographie:

Keel 2003a: 131f, Nr. II:10; Keel/Schroer 2004: 88-92, Nr. 43; Ramseyer et al. 2004: Nr. 022.

DatensatzID:

768

Permanenter Link:

  http://www.bible-orient-museum.ch/bodo/details.php?bomid=768