Objekt:

 Figurine, Ton, 76 x 36 x 28 mm.

Datierung:

 Keramisches Neolithikum (6400-5800) (Halaf-Kultur, zuletzt gebrannt vor 3400 und 5200 Jahren).

Herkunft:

 Nordsyrien.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VFig 1995.11.

Darstellung:

 Die Figur charakterisiert ihre überdimensionierten, verdickten Beine und Hüften. Die gespreizten Unterschenkel laufen in sich verjüngenden Enden aus. Die Unterarme halten die üppigen Brüste. Hals und Kopf sind als Fortsetzung des Körpers modelliert. Der Kopf endet mit einem abgerundeten Vorsprung, wahrscheinlich eine Art Kopfbedeckung. Die Nase ist stilisiert, die Augen und wahrscheinlich auch die Ohren sind durch Bemalung wiedergegeben. Beide Seiten des flachen Gesichts sind von braunen Punkten umgeben, die als Tätowierung gedeutet werden können. Braunrötliche bis orangebraune waagerechte Streifen verzieren die Arme und den Hals; letztere wohl als Andeutung eines Halsschmucks. Weitere bemalte Streifen verlaufen rund um die Beine und am hinteren Teil der Taille entlang (vielleicht Reste eines bemalten Gürtels).

Diskussion:

 Terrakottafiguren dieses Typs (siehe auch Keel/Schroer 2004: Nr. 3, 4) sind in Nordmesopotamien und Nordsyrien in großer Zahl gefunden worden, so in den Ausgrabungen von Tell Halaf, Chagar Bazar, Tepe Gawra, Arpaçiya, Tell Kaschkaschuk u.a. (Mellink/Filip 1974: Nr. 59a-61). Die Tradition dieser Figuren lässt sich bis ins 9. Jahrtausend v. Chr., ins vorkeramische Neolithikum A zurückverfolgen, wie es am Karmel, im Jordantal (Kat. 1; Yizraeli-Noy 1999: 33-40) und am mittleren Eufrat in Muraibit bezeugt ist (Cauvin 1994: 48). Im vorkeramischen Neolithikum B im 8.-7. Jt. v. Chr. finden sie sich in Beidha bei Petra, in ˓Ain Ghazal bei Amman, am oberen Eufrat in Cafer Höyük und am oberen Tigris in Çayönü, also in einem immer deutlich größeren Gebiet als im vorkeramischen Neolithikum A (Cauvin 1994: 44, 48, 59, 122, 145). Diese Figur und die zwei Figuren aus Keel/Schroer 2004: Nr. 3, 4 zeigen zahlreiche gleiche Merkmale. Körperaufbau und Auffassung sind identisch; die mit Streifen bemalten Arme halten die voluminösen Brüste und treffen sich in der Körpermitte unter den Brüsten; die überdimensionierten Hüften und Beine sind leicht mit einem Muskulaturhinweis modelliert. Die Kopfbedeckungen hingegen weichen stark voneinander ab. Die Figuren aus Keel/Schroer 2004: Nr. 3, 4 haben merkwürdige Kopfbedeckungen, für die es keine Vergleichstücke gibt. Bei Stücken aus kontrollierten Ausgrabungen ist der Kopf allerdings häufig weggebrochen. Die spezielle Kopfbedeckung könnte eine bestimmte gesellschaftliche Rolle andeuten oder Attribut einer bestimmten Erscheinungsweise der Göttin gewesen sein. Die Bemalung in Streifen ist ein Kennzeichen der neolithischen Plastik im Vorderen Orient. In den nachfolgenden Epochen wird sie z. B. durch eingeritzten oder aufgetragenen Dekor ersetzt. Die Interpretation der aufgemalten Streifen ist schwierig; sie könnten u. a. für die Bekleidung stehen. Manche nehmen an, dass Kleider damals aus mehreren gewobenen und danach zusammengenähten Bändern bestanden hätten. Es ist aber auch denkbar, dass die Streifen eine Körperbemalung darstellen und die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Clan zum Ausdruck brachten und/oder magische Bedeutung hatten.

Parallelen:

Zahlhaas 1985: 24f, Nr. 1; Zimmermann 1991: 28f, Nr. 2; Zindel et al. 1992: 147, Nr. 9:1; Spycket 2000: 44, nos. 3:A-C; Wrede 2003: 108, Abb. 51, 392: ähnliche Figuren aus verschiedenen Grabungen; Schmidt 1943: Taf. 105:16-18: gespreizte Beine; Schmidt 1943: Taf. 105:1-2: Kopfform und Bemalungen auf dem ganzen Körper, Schicht der Buntkeramik.

Bibliographie:

Keel 2003a: 126, Nr. II:1; Keel/Schroer 2004: 45-47, Nr. 2; Ramseyer et al. 2004: 54; Keel et al. 2007: 41, Nr. 21; Keel 2008: 36, Nr. 22.

DatensatzID:

732

Permanenter Link:

  http://www.bible-orient-museum.ch/bodo/details.php?bomid=732